Viel Wind um Toni Wilhelm

VON SUSANN GANZERT

Südkurier v.Di 27.04.2004

Der für den Windsurfclub Überlingen startende Student aus Steinen bei Lörrach ist für Olympische Spiele in Athen qualifiziert


Die Überraschung ist um so größer, weil eigentlich niemand damit gerechnet hat: Toni Wilhelm vom Windsurfclub Überlingen löste bei der Weltmeisterschaft das Ticket für die Olympischen Sommerspiele von Athen. Er ist damit der zweite Surfer aus Baden﷓Württemberg, der zu den Olympischen Spielen surft. Zur Erinnerung: Matthias Bornhäuser (ebenfalls WSCÜ) wurde bei den Spielen von Atlanta 1996 Zehnter.

Toni Wilhelm, 21﷓jähriger Student aus Steinen bei Lörrach, landete einen echten Überraschungscoup, denn bisher war er immer die deutsche Nummer Drei. Doch bei EM und WM 2003 war er bereits zweitbester Deutscher und bei den Weltmeisterschaften Mitte April 2004 wurde Toni Wilhelm Achter. Er nahm damit als bester und gleichzeitig einziger Deutscher die vom deutschen Seglerverband vorgeschriebene Qualifizierungshürde (Platz 1 bis 12). Der Berliner Alexander Baronjan, der 2000 in Sydney startete, landete auf den hinteren Rängen und Moritz Martin (WSNC Windsurfing Nordschwarzwald Calw, Platz 14) hatten das Nachsehen vor der türkischen Küste.

Bis zum August sind es noch einige Wochen, die Uhr läuft jetzt rückwärts für Toni Wilhelm. Es gilt, Studium und Surfen irgendwie unter einen Hut zu bringen. Darin hat er freilich Übung, denn seit einigen Jahren hat das Surfen die oberste Priorität. So wechselte Toni nach der 11. Klasse von seinem Heimatgymnasium an das Droste-Hülshoff﷓Gymnasium in Meersburg, um öfter surfen zu können. Im Landesleistungszentrum Segeln in Friedrichshafen absolvierte er sein freiwilliges Soziales Jahr im Sport, und dass er jetzt in Kiel studiert, hat natürlich auch seinen sportlichen Grund.

Mit acht Jahren stand Toni Wilhelm zum ersten Mal auf einem Surfbrett.

Nach dem Anfängerkurs auf dem Gardasee brachte er sich das Surfen autodidaktisch bei. Irgendwann wurde der damalige Surf﷓Landestrainer aus Baden﷓Württemberg Tilo Schnekenburger auf den Jungen aufmerksam und berief ihn in den Landeskader ﷓ das war 1996. Seit zwei Jahren ist Wilhelm nun im C﷓Bundeskader und wird von Bundestrainer Diederik Bakker betreut. Der war es auch, der bei den Weltmeisterschaften im Herbst 2003 schon ahnte, dass in Toni mehr steckt: "Toni kann noch einen großen Sprung nach vorn machen", prophezeite er damals.

„ Schon im Training vor der WM lief es super gut", erinnert sich Toni Wilhelm. Er konnte mit den Topleuten mithalten. Schon da habe er gewusst, dass er jetzt alle Chancen hat. Surfen hat viel mit Psychologie zu tun, das hat beispielsweise Moritz Martin bei der


jüngsten WM erfahren ﷓ der gestandene Surfer stürzte im letzten und für ihn entscheidenden Rennen mehrfach ins Wasser. "Das ist ihm noch nie passiert", staunt Toni Wilhelm noch immer. So verpasste Moritz den notwendigen Platz zwölf ganz knapp. Hätte er es geschafft, wäre heute noch nicht klar, wer nach Athen fährt und bei der kommenden EM wäre die Qualifikation fortgesetzt worden.

Die Vorbereitungen auf Athen, das ist Toni Wilhelm klar, nehmen extrem viel Zeit in Anspruch: Ende Mai geht es zur SPA﷓Regatta nach Holland, im Juni zur EM nach Sopot/Polen und dann bald nach Athen, um das Revier kennen zu lernen. "Schön, dass das Segel- und Surfrevier so nah am Olympischen Dorf ist“, freut sich der Student der Sportwissenschaften in Kombination mit BWL und Öffentlichem Recht. Meist sind die Segler weit entfernt vom olympischen Leben und selten bei den eindrucksvollen Eröffnungs- oder Abschlussfeiern dabei. Dabei sind Segler und Surfer doch die Olympioniken, die am längsten für ihre Medaillen kämpfen müssen. Die olympischen Surfwettbewerbe dauern inklusive zweier Ruhetage 14 Tage.

"Du musst ganz locker bleiben“, wie oft Toni diesen Satz in den vergangenen Tagen schon gehört hat, weiß er selber nicht mehr. Derzeit ist er super locker, reitet noch ein bisschen auf der Überraschungs﷓Freude﷓Glücks﷓Welle: braun gebrannt, die Sonnenbrille auf der Stirn antwortet er auf die Frage, ob er denn an seinem persönlichen Fernziel, den Olympischen Spielen 2008 in Peking, trotzdem festhalte: "Auf, alle Fälle."

BILD: GANZERT

Wind, Wasser, Wellen ﷓ diese drei „W“ braucht Toni Wilhelm zum Glücklichsein. Der Student aus Steinen bei Lörrach, der für den Windsurf-Club Überlingen startet, sicherte sich bei der WM das Ticket zu den Olympischen Spielen in Athen.