Südkurier , DIENSTAG, 6. JULI 2004
Toni Wilhelm vom
Windsurfclub Überlingen hat die Fahrkarte zu den Olympischen Sommerspielen 2004
in der Tasche
Wellenreiter auf dem Weg nach Athen
VON
SUSANN GANZERT
Die Überraschung ist um so größer, weil eigentlich niemand damit rechnete: Toni Wilhelm (Windsurfclub Überlingen, WSCÜ) löste im April 2004 bei der Surf-Weltmeisterschaft das Ticket für die Olympischen Sommerspiele von Athen. Er ist damit der zweite Surfer aus dem Ländle, der zu den Olympischen Spielen surft. Matthias Bornhäuser (ebenfalls WSCÜ) wurde bei den Spielen von Atlanta 1996 Zehnter.
Der 21jährige Student aus der Nähe von Lörrach landete einen echten Überraschungscoup, denn bisher war Toni Wilhelm immer die deutsche Nummer 3. Doch bei EM und WM 2003 war er bereits zweitbester Deutscher und bei den Weltmeisterschaften Mitte April 2004 wurde Toni Wilhelm Achter. Er nahm damit als bester Deutscher und Einziger die vom deutschen Seglerverband vorgeschriebene Qualifizierungshürde (Platz 1 bis 12).
Bis zum August sind es noch einige Wochen, die Uhr läuft jetzt rückwärts und für Toni gilt es, Studium und Surfen irgendwie unter einen Hut zu bringen. Darin hat er Übung, denn seit einigen Jahren hat das Surfen die oberste Priorität. So wechselte Toni nach der 11. Klasse von seinem Heimatgymnasium an das Droste-Hülshoff-Gymnasium in Meersburg, um öfter surfen zu können. Im Landesleistungszentrum Segeln in Friedrichshafen absolvierte er sein freiwilliges soziales Jahr im Sport, und dass er jetzt in Kiel studiert, hat natürlich auch seinen sportlichen Grund.
Mit acht Jahren stand Toni Wilhelm zum ersten Mal auf einem Surfbrett, nach dem Anfängerkurs auf dem Gardasee brachte er sich das Surfen autodidaktisch bei. Irgendwann wurde der damalige Surf-Landestrainer aus Baden-Württemberg Tilo Schnekenburger auf den Jungen aufmerksam und berief ihn in den Landeskader, das war 1996. Seit zwei Jahren ist Toni Wilhelm nun im C-Bundeskader und wird von Bundestrainer Diederik Bakker betreut. Der war es auch, der bei den Weltmeisterschaften im Herbst 2003 schon ahnte, dass in Toni mehr steckt: "Toni kann noch einen großen Sprung nach vorn machen" sagte er im letzten Herbst.
Schon im Training vor der WM erinnert sich Toni, lief es supergut und er konnte mit "den Topleuten mithalten".
Schon da habe er gewusst, dass er jetzt mitfahren kann und so war die Nacht vor dem letzten und alles entscheidenden Tag so wie jede andere Nacht auch. "Surfen hat viel mit Psychologie zu tun", das hat Moritz Martin bei der jüngsten WM erfahren. Der gestandene Surfer ist im letzten und für ihn entscheidenden Rennen mehrfach ins Wasser gefallen. "Das ist ihm noch nie passiert", staunt Toni Wilhelm noch immer. So verpasste Moritz den notwendigen Platz 12 nur knapp. Hätte er es geschafft, wäre heute noch nicht klar; wer nach Athen fährt und bei der kommenden EM wäre die Qualifikation fortgesetzt worden.
Die Vorbereitungen auf Athen, das ist Toni klar, nehmen extrem viel Zeit in Anspruch. Gerade gingen die Europameisterschaften in Sopot (Polen) zu Ende: Toni Wilhelm surfte wieder in der Spitze und ließ die nationale Konkurrenz hinter sich. Und nun geht es bald nach Athen, um das Revier kennen zu lernen. In fünf Wochen beginnen die Olympischen Sommerspiele 2004.
"Schön, dass das Segel- und Surfrevier so nah am Olympischen Dorf ist", freut sich der Student der Sportwissenschaften in Kombination mit BWL und Öffentlichem Recht. Meist sind die Segler weit entfernt vom olympischen Leben und selten bei den eindrucksvollen Eröffnungs- oder Abschlussfeiern dabei. Dabei sind Segler und Surfer doch die Olympioniken, die am längsten für ihre Medaillen kämpfen müssen. Die olympischen Surfwettbewerbe dauern 14 Tage, inclusive zweier Ruhetage.
Toni
Wilhelm (kleines Foto) surfte bei der Weltmeisterschaft vor der türkischen
Küste direkt in die deutsche Olympiamannschaft Athen 2004. jetzt wartet er ganz
entspannt auf das sportliche Highlight in seiner Karriere
"Du musst ganz locker bleiben«: Wie oft
Toni diesen Satz in den vergangenen Tagen schon gehört hat, weiß er selber
nicht mehr. Derzeit ist er super locker, reitet noch ein bisschen auf der
Überraschungs‑Freude‑Glücks‑Welle: Braungebrannt, die Sonnenbrille auf der Stirn antwortet er auf die Frage, ob er denn an seinem persönlichen Fernziel den Olympischen Spielen 2008 in Peking trotzdem festhalte: "Auf alle Fälle".
IN ATHEN DABEI
Toni Wilhelm ist nicht der
einzige Sommer‑ Sportler aus einem Verein des Bodenseekreis, der
Teilnehmer der Olympischen Spielen ist. Drei Badmintonspieler des VfB
Friedrichshafen werden in Athen für zwei unterschiedliche Nationen an den
Start. gehen: Huiwen Xu startet für ihr Heimatland China, Nicole Kro und Björn
Siegemund haben Sich für den Mixed‑Wettbewerb qualifiziert. Außerdem
lösten noch zwei Seglerinnen das Ticket zu den Olympischen Spielen: Stefanie Röthwditter und Monika Leu vom „Württembergischen Yacht‑Club
Friedrichshafen“, Taekwondo
Bundestrainer Markus Kohlöffel ist ebenfalls dabei.